Vier lange Jahre sind seit ihrem letzten Album „No Balance Palace“ ins Land gezogen, was daran liegen mag, dass Männer ab einem gewissen Alter immer mehr andere Interessen entwickeln und ihre eine oder andere „Kreativpause“ einlegen, die der Band und ihrem neuen Oeuvre „Trespassers“ gut getan haben muss. Abgemischt wurde das Album von einem Mann sonder gleichen: Andy Wallace. Für diejenigen, die den Namen gerade nicht zuordnen können: Googlet ihn. Geht auf die englische Wikipediabiographie und lasst euch von seiner bisherigen Produzentenerfahrung erschlagen. Nun dürfen sich die Dänen unter anderem neben legendären Musikern wie Nirvana, Jeff Buckley, Faith No More oder Foo Fighters einreihen.
Dänemark zählt neben Schweden schon länger als kleine nördliche Indie-Band-Fabrik, die, generös behauptet, eher durch keyboardlastige und elektronisch unterlegte Musik geprägt ist. Aber Kashmir sind noch alte Hunde aus den 90ern. Da wummern dezente Synthieklänge eher im Hintergrund und eine äußerst präsente Akustikgitarre vermittelt den Eindruck, dass das Elektronische selten in den Vordergrund gerät, denn dort stehen die Texte.
Dabei überspringe ich einfach mal nonchalant den Anfang des Albums, der durchaus sehr gefällt und unter dem hohen Gesang Kaspar Eistrups steht. Seine Stimme ist zerbrechlich und daneben noch zehn weitere Wörter für „zerbrechlich“! Sie lässt auch in Kitsch ersoffene Songtexte glaubwürdig erscheinen und singt über fast typische Dinge wie Zeit, Wimpernschläge und Tarnungen des Alltags, die in ihren zweifelhaften Hoffnungen nicht greifbar sind. Dabei wird immer eine scheinende Distanz gewahrt bis ein Refrain den Zauber in aufnahmewürdigere Formen gießt. All dies bündelt sich in der Single „Still Boy“. Dort kommt die durchschlagende Zerbrechlichkeit in Vollendung zum Tragen.
Wie das Video zu „Still Boy“, das nebenbei einen WhiteTapes-Oskar verdient hätte schon zeigt, paart sich Sehnsucht und wilde Hoffnung immer im Wechselspiel mit Enttäuschung und schlichter Trauer. Heißt es am Anfang noch „Gives me time to grow a love where I had fear“, folgt darauf ein Ende, das ganz frei nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt“ das Leben mit gesenktem Blick genießen lässt. Denn letztendlich erwacht der Mechano-Pinocchio erst zum Leben, als sein obdachloser Geppetto eben dieses aufgegeben hat.
Das Lied ist eine Lehrstunde für Refraininszenierung für Fortgeschrittene. Bitte alle mitschreiben. Das kommt in der Musikniveau-Klausur vor, die zukünftig womöglich nicht so schlecht ausfallen würde, wenn ein paar mehr Interpreten mehr Kashmir hören würden. Das Lied macht es dem Zuhörer schwer lediglich zuzuhören, wobei man bloß nicht diesen perfekt gewobenen Strang aus Gitarrenzupferei, schmachtendem Gesang und lyrischer Meisterleistung durchschneiden und mit fremdeinwirkenden Gedanken oder gar Gesängen stören will.
Oder um es noch deutlicher zu sagen: Kennt jemand zufällig den Zustand, Fahrrad fahrend Musik zu hören und dermaßen in eine andere Welt gesogen zu werden, dass man nicht mehr ganz die Straßen im Blick hat? Während „Still Boy“ durch meine Ohren jagte, stand Ich zweimal kurz davor einen schlimmen Unfall zu provozieren. Den tobsüchtigen Autofahrern konnte ich leider keinerlei Empathie entgegen bringen, da das Lied leider (oder eher zum Glück!) noch nicht zu Ende war. Für 5 Minuten und 12 Sekunden war ich nicht zu mehr im Stande, als kolossales Unverständnis für diejenigen aufzubringen, die mir dieses Erlebnis unterbrechen wollten. Haben die neuen Autos neben ihren blumenfurzenden Auspuffen, Bäume pflanzenden Verbrauchswerten und „Hybrid“-Aufschriften, die Tag aus Tag ein unsere Welt vor den bösen Mächten bewahren, nicht so neue hochkomplexe Sensoren, die sie automatisch bremsen lassen, falls wildes Vieh vor ihre gebohnerte Motorhaube läuft?! Und ist es wirklich zu schwer einen kleinen Blick dafür zu entwickeln, wenn sich ein Passant mal wieder in ein neues „BESTES LIED DER WELTGESCHICHTE“ verliebt?!
„Still Boy“ ist auch deshalb so repräsentativ für „Trespassers“, da es diese Fragen stellt, die fortwährend in die gleiche Sparte hauen: „Am I already late with my pyramid sized hopes?“ oder „Like the chicken needs the fox and the daylight longs for the dark.“
Das gesamte Album entspricht einem Wandel von erwartungsvollen Fantasien und Träumereien in desillusionistische Kapitulationen. Und wenn kapitulieren uns solche Lieder schenkt, kann Gewinnen so schön doch gar nicht sein. Nach „Still Boy“ verliert sich das Album keineswegs. „Times Has Deserted Us“ ist ein Paradebeispiel für den tönenden Keyboardsound und die Gitarre, die ihr Thema in Endlosschleife von Anfang bis Ende durchspielt. Im Refrain reißt das elektronische Tasteninstrument dann den Gesang in ersehnte Höhen.
Doch das Erwartete heißt so, weil es ja eben doch kommt und so folgen auf 10 vom Zweifel geplagten Liedern das wirklich Tragische, das mit seinem Eintritt das Geschehen beendet. „Trespassers“ wird von einem orchestralen Rahmen umschlossen, der hauptsächlich aus Streichern besteht, die sich im letzten Lied „The Indian (That Dwells Inside His Chest)“ über eineinhalb Minuten aufbauen und dem Album das einzige Mal eine düstere Note verleihen. Am Ende heißt es eben, wie mein neuer Lieblings Homie Stillboy zu sagen pflegt: „All dumb, all deaf, all turned over to the wolves“.










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