Es ist das Eine, wenn man über 50 Mio. Aufrufe für ein gewisses Laufband-Video und dessen Erscheinen als Parodie in einer Simpsons Folge zu verzeichnen hat, und das Andere, wenn man eben den Sprung vom Videophänomen zur Tanzflächen füllenden und gleichzeitig Elektrobeat-Balladen um sich werfenden Band geschafft hat. “Of The Blue Colour Of The Sky” ist ein Zeugnis einer Band, die neben vieler auszeichnenden außerplanmäßigen Aktivitäten wie Theaterstücke schreiben, Kolumnen veröffentlichen und in Senatskammern der Vereinigten Staaten konzertieren, nunmehr ihren Weg zum Fan ergreifenden sowie trittsicheren Vertreter des vielschichtigen und weitläufigen Pops geschafft hat.
4 Männer aus Chicago schenken uns 51 Minuten in Form von 13 Songs. Nehmen wir die Musik vorerst beiseite, die ist – dies schon mal vorab – ohnehin großartig, und verlieben uns in eine Band des Popgenres, in der der Bassist Tim Nordwind die Glatze pflegt! Vielleicht der profanste Grund, doch wie sagt man: “Liebe ist der angenehmste Zustand teilweiser Unzurechnungsfähigkeit.” Eben in solche und weitere Auffassungen des schönsten aller Gefühlszustände flüchten OK Go auf ihrem inzwischen dritten Album. Mit breitbrüstigen, kraftvollen und auf der anderen Hälfte sehnsuchtsschwangeren und einfühlsamen Melodien wird hier Können bewiesen, hinter dem mehr steckt als nur YouTube-Berühmtheit.
“WTF?” trägt der Opener als Namen. Der einzig richtige Platz für den Track, da die CD an keiner Stelle mehr so cool, dreckig und offensiv sexy wird. Doch selbstverständlich paart sich hier ein fetzendes Gitarrensolo mit zuckrigen “Ahhhh Ahhaaas” im Hintergrund. Das Schlagzeugtempo wird in dem nächsten Hit “This Too Shall Pass” forgeführt und lässt einen durch eine Glitterwelt aus Keyboardverzückungen hüpfen. Da passt es ja ins Bilde, dass der Optimismuszug auch im “All Is NOT Lost”-Bahnhof hält.
Langsam geht es wirklich nicht mehr darum die Lieblingslieder zu zählen. Anschließend erklärt Damian Kulas einem mit hektischem Gitarrenspiel, das es da doch einen Unterschied zwischen “Brauchen” und “Bekommen” gäbe. Die Poren weit geöffnet. Tief durchatmen. Noch einen wilden Tanz halten die neuen Schuhe wohl nicht mehr aus. Da kommt es gut gelegen, dass “Needing/Getting” mit einem wunderbar tamburinlastigen Outro entspannend den Januskopf des Albums enthüllt. “Skyscrapers” ist eines der Lieder, die so elegisch dem Verlust nachtrauern und mit bluesigem Bass und zupfender Gitarre nur so dahin grooven. Schließlich zerfließt das Herz vollkommen, nachdem einem “Skyscrapers, please forgive me.” ins Ohr gejauchzt wurde.
“White Knuckles” ist die Reprise des Albumanfangs. Vergessen sind jegliche Liebesleiden. Die Erinnerung an Reue versiegt im Genuss des Gesangs, der frecher denn je: “Maybe it’s not so bad, so let it all come down!” in die Welt posaunt. Doch von nun an ist jedem Partygelage ein Ende gesetzt. Ab Titel 7 wird diejenige so sehr gewollt, dass man entweder nicht mehr geradeaus denken, das Innerste sich nicht beruhigen, oder man nicht mehr atmen kann. Der Beat in “End Love” ist zwar noch etwas erquickender, doch verrät der Titel schon, worauf es eigentlich hinausläuft. In “Last Leaf” wir dann der weltumfassende Schlüpferstürmer in feinster Gitarrenballaden-”Hey, there Delilah”-Manier vom Zaun gebrochen. Das ist insofern nicht überflüssig, da es eines der wenigen Lieder ist, die ohne hiesigen Stimmeffekt auskommt und sich somit ein weiteres Stück in diese Hitsingle-Sammlung einfindet. Es ist wirklich nicht auszumachen welche Richtung OK Go in näherer Zukunft einschlagen werden, scheinen aber darüber hinaus auf dem besten Weg zur genrefreien Band zu sein. Stoisch und hochgradig elektronisch treffen auf Geplänkel mit Blick für das Wesentliche. Es ist wirklich eine stolze CD, die letztendlich musikalisch begeistert und nicht nur den Glatzenliebhabern ein Fest sein wird.
Das Album ist nach einem Buch von 1876 über die heilende Kraft der blauen Farbe benannt. Auch die heutige Medizin ist sich einig, dass der Mensch sich die Frage stellen sollte, wann er das letzte Mal draußen war, um zum Glück zu finden. Doch ist es oftmals auch so, wie schon Herr Regener vortrefflich im Sinne der Romantik erkannte: “Bei mir geht überhaupt gar nichts mehr, weil sich alles um dich dreht, seit der Himmel jeden Morgen deine Augenfarbe trägt.”










OK Go
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OK Go: Of The Blue Colour Of The Sky…
VÖ: 19.02.10 / EMI. Da werden andere gelb vor Neid: OK Go’s Musikvideo zu ihrem Hit Here It Goes Again wurde bereits bei den Simpsons persifliert. Damit gehört der Clip, in dem sich die Band auf Laufbändern quält, zum amerikanischen Kulturschatz. Spaßi…