Etwas mehr als ein Jahr nach seinem selbstbetitelten Debüt und …
Jónsi – Video zu “Animal Arithmetic”

Wenn ich an eines der Alben des Frühlings denke, fällt mir spontan Jónsi mit seinem bunten Solo-Debüt “Go” ein. Gerade die temporeicheren, percussionlastigen Lieder gehören zum Besten, was Jónsi auch Sigur Rós mitgezählt, an echten Hits fabriziert hat. Wo wir gerade von Percussions sprechen, die stehen auch beim Song “Animal Arithmetic” sehr im Vordergrund. Jónsi hat die dann nun auch sogleich zum Mittelpunkt des sehr hübschen Videos zur Single gemacht.
Jónsi – Cemetry Gate Session

Mit “Go” veröffentlichte Sigur Ros Frontmann Jónsi Anfang April ein frühlingshaft leichtes Album voller sonniger Melodien mit dem für sein Songwriting üblichen unverwechselbaren Charme. Für Pitchfork brachte er diese Songs nun mit in eine Friedhofskapelle, in der sich alle Emotionen noch einmal ganz besonders entfalten. Ein neuer Song war auch dabei:
Jónsi – Go
Dass Freunde der Unterhaltungsmusik in den letzten Jahren immer häufiger Richtung Island schauen, liegt nicht nur an Björk, sondern zu großen Teilen sicherlich auch an einer 1994 gegründeten Band um einen Sänger namens Jón Þór “Jónsi” Birgisson. Mit Sigur Rós schafft er seitdem sphärische, von Melancholie geschwängerte Traumgesänge in einer exotischen Sprache, die sich aus isländisch und englisch zusammen setzt und Vonlenska getauft wurde. Nach 14 Jahren Bandgeschichte veröffentlichten Sigur Rós dann mit “Með suð í eyrum við spilum endalaust” ein Album, das sie von einer ganz neuen Seite zeigte. Die Melodien waren über weiter Strecken fröhlich und so voller Hoffnung, wie man es zuvor von der Band noch nicht gehört hat.
Viele Fans waren zunächst verschreckt, die Akustik-Gitarre hatte Einzug gehalten und die mit einem Cello-Bogen gespielte E-Gitarre ersetzt. Ein Klavier war auch noch nie so häufig zu hören. Aber schnell erkannten Fans die konsequente Fortführung der bereits auf “Takk” angedeuteten positiveren Stimmung, an und nahmen insbesondere den Hit “Gobbledigook” dankend an. Als es nun hieß, dass Frontmann Jónsi an einem Soloalbum arbeite, war wohl die spannendste Frage, in welche Richtung es gehen würde. Würde er zurück kehren zur Melancholie der alten Tage, oder die neu entwickelte Fröhlichkeit fortführen. Jónsi entschied sich für den Mittelweg, wobei bereits der Opener “Go Do” noch etwas offenbart, das sich bei Sigur Rós bereits abzeichnete. Die Produktion ist noch vielschichtiger und perfekter geworden. Das Stück selbst ähnelt ein wenig “Gobbledigook”, geht mit ähnlich positiver Stimmung voran und lässt sogleich die dicke Wolkendecke über dem vom Aprilwetter geplagten aufreißen. Das folgende “Animal Arithmetic” kommt dann sehr Percussionlastig und mit englischen Texten noch ein wenig schneller und auch lebensbejahender daher. In der Folge werden die Töne wieder etwas melancholischer, Jónsi begibt sich etwas mehr in sein Falsett und gibt zu sphärischen Klängen Gesänge auf isländisch und englisch zum Besten. Auf dem gesamten Album wechselt Jónsi nun mit geschickt gespannten Bogen zwischen Melancholie und erhebenden Sounds und schafft so ein dichtes Album, das wie bereits die Sigur Rós Alben einfach nur süchtig macht. Die einzige Frage die offen bleibt ist, wo denn genau das Individuum Jónsi dabei bleibt, denn “Go” könnte auch genau so von Sigur Rós stammen.










Jónsi
Helgi Jónsson – For The Rest Of My Childhood
Der Isländer Helgi Jónsson ist eigentlich ausgebildeter Posaunist. Aber wie bereits in der Dokumentation Music From The Moon über die isländische Musikszene zu sehen ist, ist eigentlich jeder Isländer, der irgend etwas mit Musik zu tun hat gleich Multiinstrumentalist und spielt in zehn Bands zugleich. Dieses Klischee erfüllt Helgi wie zufällig. Bereits 2005 präsentierte er sich auf seinem Debüt-Album “Gloandi” am Klavier, an der Gitarre und natürlich immer auch mal mit Posaunenbegleitung. Mit Sigur Rós hat er übrigens auch schon zusammengearbeitet, aber das hat ja anscheinend jeder isländische Musiker, so will es zumindest das Klischee. Ein weiteres dieser Klischees ist, dass isländische Musik immer exotisch, fragil, voller Luft zur Melodienentfaltung und wie von einer anderen Welt ist. Musik vom Mond eben. Man mag es dann auch fast nicht wieder sagen, aber genau so klingt Helgi Jónsson’s zweites Album “For The Rest Of My Childhood”.
Wie die Mondoberfläche, oder auch Island (soll ja so ähnlich aussehen, nur mit Geysiren) präsentiert sich Jónsson in kargen, weiten Landschaften, die er mit seinen Melodien aufblühen lässt und verwandelt. Am Anfang ist da nur ein Klavier, zu dem er zunächst mit entrückter Stimme singt. Eine verzaubernde Stimme irgendwo in der Nähe von Thom Yorke und Jón (Jónsi) Thór Birgisson von Sigur Rós. Dazu gesellen sich noch eine Gitarre, aus der kargen Landschaft sprießen zarte Knospen, die fragil wirken, wie der Song selbst. Song 2, “September” wirkt dann beinahe wirklich so, als hätten Radiohead und Sigur Rós gemeinsame Sache gemacht und ein Herz zereißendes, lautes, aber doch zerbrechliches Stück Progressive-Pop. Jónsson jault wunderbar, springt zwischen isländisch und englisch und schürft ganz tief in seinem Seelenleben. Streicher und eine Posaune runden das Stück ab. “Digging Up A Tree” ist dann beinahe schon ein Ausflug in gefällige Singer- / Songwriter-Gefilde mit rhythmischer Akustik-Gitarre und einem gewissen Pop-Appeal. Songs, wie “Waltz” und “Love Mind” zeigen Jónsson dann noch eine Spur reduzierter und mit einem noch größeren Maß typisch skandinavischer Melancholie. Hier erinnert er etwas an Teitur, der mit wenigen Mitteln und viel Melancholie auch großartiges Kopfkino erzeugt. Diese Mischung aus bombastischen Momenten und dann wieder reduziertem Songwriting in bestem Garagen- / LoFi-Format machen “For The Rest Of My Childhood” zu einem, auch wenn es abgegriffen klingt, herrlichen Stück isländischen Songwritings. Einem wundervollen Album voller Musik vom Mond eben.










Helgi Jónsson
Helgi Jónsson auf Tour mit Tina Dico
21. Oktober, Capitol, Mannheim
22. Oktober, Kulturkirche, Köln
23. Oktober, Vest Arena, Recklinghausen
24. Oktober, Musik Hall, Worpswede
25. Oktober, Max, Flensburg
27. Oktober, Bahnhof Langendreer, Bochum
29. Oktober, Jazzhaus, Freiburg
30. Oktober, Café Hahn, Koblenz
31. Oktober, Centralstation, Darmstadt
Solo
24. November, CH-Zürich, Hafenkneipe
25. November, 59:1, München
26. November, A-Wien, B72
27. November, Studio 672, Köln
28 November, Prinzenbar, Hamburg
29. November, Admiralspalast 101, Berlin














